Mit dem Sommer naht auch die Hauptflugzeit der ungeliebten Bremsen.
Bremsenfallen als Problem für die Insektenvielfalt
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Mit dem Sommer naht auch die Hauptflugzeit der ungeliebten Bremsen.
Gerade Tierhalter*innen wollen ihren Schützlingen auf den Vieh- und Pferdeweiden die schmerzhaften Bisse gerne ersparen und greifen daher auf die seit einigen Jahren erhältlichen Bremsenfallen zurück. „Die Fallen stellen allerdings ein echtes Problem für die Insektenvielfalt auf den Weideflächen dar, denn von den eigentlich anvisierten Bremsen landen nur ganz wenige in der Falle. Im Hinblick auf das aktuelle, großräumige Insektensterben ist ein Fallentyp, der so unselektiv Insektenbestände dezimiert und damit die Biodiversität zusätzlich schädigt, nicht akzeptabel“, sagt Gerhard Eppler, Landesvorsitzender des NABU Hessen.
Das Prinzip der Fallen klingt so einfach wie genial: Sie bestehen aus einem schwarzen Ball mit darüber gespanntem Netz. Die Konstruktion hängt frei beweglich an einem Metallstab. Der Ball heizt sich in der Sonne auf und wird durch den Wind bewegt, sodass blutsaugende Fluginsekten ihn für einen Wirt halten, und so angelockt werden. Bremsen fliegen nach dem erfolglosen Bissversuch am Ball in der Regel nach oben weg. So werden sie über das integrierte Fangnetz in den darüber liegenden Fangbehälter geleitet, wo sie in einer Flüssigkeit verenden. Nur sind sie mit diesem Schicksal nicht allein, denn auch andere Insekten werden von der Falle angezogen oder landen versehentlich darin.
Problematisch für den Insektenschutz
„Leider sind diese Fallen bei Weitem nicht so selektiv, wie es die Hersteller uns weismachen wollen. Eine Studie zeigt, dass der Beifang aus anderen Insektenarten über 96% beträgt und sich die eigentlich zu bekämpfenden Bremsen kaum in den Fallen landen. Auf diese Weise entnehmen die Fallen nicht nur eine große Menge Biomasse aus den Nahrungsnetzen, sondern sind auch problematisch für bedrohte Insektenarten“, sagt der Landesvorsitzende. Denn unter den fälschlich gefangenen Insekten befanden sich auch geschützte Arten wie etwa Wildbienen und Schmetterlinge. Zudem ist die Wirksamkeit der Fallen abhängig vom fachgerechten Einsatz. Es gibt neben dem Aufstellort und der Lage zur vermuteten Anflugrichtung einen weiteren Faktor: die Anzahl der Pferde. Experten aus dem Arbeitskreis Umwelt der Vereinigung der Freizeitreiter- und fahrer Deutschland (VFD) haben festgestellt, dass die Fängigkeit umso geringer ist, je mehr Pferde sich im Wirkungsbereich der Falle aufhalten. Stehen 10 Pferde im relevanten Radius der Falle, so beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Bremse sich „irrt“ und die Falle anfliegt, weniger als 10 %. „Derzeit werden solche Bremsenfallen auch auf Weiden in Naturschutzgebieten eingesetzt und ihr Einsatz ist bisher genehmigungsfrei. Vor diesem Hintergrund verletzen sie regelmäßig geltende artenschutzrechtliche Verbote. Daher würden wir eine Genehmigungspflicht für Bremsenfallen stark begrüßen“, mahnt Eppler.
Diese Erkenntnisse haben in Nordrhein-Westfalen bereits zu einem Erlass des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz geführt. Dieser besagt, dass Bremsenfallen nicht innerhalb eines Nationalparks, eines FFH- oder Naturschutzgebiets oder eines gesetzlich geschützten Biotops aufgestellt werden dürfen. Zudem solle außerhalb dieser Schutzgebiete der Einsatz von Bremsenfallen auf die Hauptflugzeit der Bremsen (01.06. bis 15.09.) beschränkt werden. Begründet wird das Verbot damit, dass wegen des unselektiven Wirkungsprinzips dieser Art von Fallen auch besonders geschützte Arten betroffen sein können, wodurch das Fang- und Tötungsverbot des Bundesnaturschutzgesetzes verletzt wird (BNatSchG §44 Absatz 1 Nummer 1). „Eine solche Einschränkung der Nutzung auch für Hessen festzulegen wäre ein wichtiger Schritt, um das sinnlose Sterben zahlloser Insekten auf Weiden und im Umfeld von Ställen zu reduzieren“, empfiehlt Eppler.
Aktuell findet man Bremsenfallen vor allem im Bereich der Pferdehaltung. Für die meist eigentlich naturinteressierten Pferdehalter*innen gibt es aber insektenfreundlichere Alternativen wie Fliegendecken und –masken, die den Tieren ebenfalls einen Schutz vor Bremsen bieten. Auch Schattenplätze unter Bäumen, Weidezelten oder mobilen Weideunterständen mit einfachen bunten Flatterbändern versprechen Abhilfe. „Nicht zuletzt sollte man bei der Nutzung der Weiden im Jahresverlauf die Biologie der Bremsen berücksichtigen. Da Bremsen vor allem in Sümpfen und Feuchtwiesen leben, sollten man zur Hauptflugzeit der Blutsauger besser auf andere Flächen ausweichen“, rät der Biologe Eppler.
Hintergrund
Studien zeigen, dass die Insekten in Deutschland deutlich zurückgehen. Intensive Landwirtschaft, der Einsatz von Pestiziden und die Ausräumung der Landschaft sind nur einige Gründe für den Insektenschwund. Der NABU engagiert sich seit Jahren für den Schutz der Insekten. Sie sind unverzichtbar für uns Menschen und die gesamte Natur. In unseren Ökosystemen tragen sie unter anderem zur Vermehrung von Pflanzen sowie zur Fruchtbarkeit des Bodens bei und dienen vielen anderen Tieren wie Vögeln, Amphibien und Reptilien als Nahrungsgrundlage.
Zählen, was zählt
Eine Stunde lang Insekten beobachten, an einer bundesweiten Aktion teilnehmen und die Natur vor der eigenen Haustür besser kennenlernen – all das vereint der „Insektensommer“ des NABU. Gezählt wird in zwei Zeiträumen, vom 4. bis 13. Juni und vom 6. bis 15. August, zum vierten Mal.
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