René Gottschalk leitete das Frankfurter Gesundheitsamt seit 2011. Er lotste die Stadt mit Umsicht und Ruhe durch die Covid-19-Pandemie. Mit einem Festakt wird der gebürtige Frankfurter am Montag, 5. Juli, in der Paulskirche in den Ruhestand verabschiedet. Doch wie er im Interview verrät, wird der international renommierte Infektiologe auch weiterhin in Forschung und Lehre tätig sein – und möchte sein Amt nicht auf dessen Rolle während der zurückliegenden anderthalb Jahre reduziert wissen.
Herr Prof. Gottschalk, war die Covid-19-Pandemie aus beruflicher Sicht der krönende Abschluss Ihrer Vita oder hätten Sie gerne darauf verzichtet? Prof. RENÉ GOTTSCHALK: Eine Pandemie war und ist für mich aus rein beruflicher Perspektive immer eine spannende Angelegenheit. Das war schon so beim Sars-1-Ausbruch und bei Ebola vor einigen Jahren. Aber auf diese Pandemie hätte ich gerne verzichtet, was vor allem am Management lag – und insbesondere daran, dass es dem dafür zuständigen öffentlichen Gesundheitsdienst von der Bundespolitik fast völlig aus den Händen genommen wurde. Seit 1998 arbeite ich in diesem Amt, zuerst Abteilungsleiter Infektiologie, ab 2011 als Amtsleiter. Die Mitarbeitenden dieses Hauses haben in dieser Zeit extrem viel geleistet. Jetzt werden all diese Erfolge und die Arbeit unseres Hauses in der öffentlichen Wahrnehmung auf Covid-19 reduziert. Das tut mir schon ein bisschen weh.
Handelte es sich bei Covid-19 gemessen an der Lebensspanne dieser Generation um ein singuläres Ereignis oder ist dies womöglich der Auftakt eines Zeitalters der Pandemien? GOTTSCHALK: Die ganze Welt im Zeitalter der Globalisierung ist darauf angelegt, dass so etwas immer häufiger geschieht. Die Fachwelt geht davon aus, dass etwa alle 30 Jahre eine große globale Grippepandemie ausbricht und alle zehn Jahre eine weitere Pandemie wie Sars-1, Ebola oder jetzt eben Covid-19 hinzukommt. Dieser Verlauf ist schon seit vielen Jahrzehnten zu beobachten. Die Globalisierung trägt lediglich dazu bei, dass diese Intervalle verkürzt werden.
Welche Note würden Sie als Experte der Bundesregierung und der Bevölkerung bei der Bewältigung dieser Pandemie ausstellen? GOTTSCHALK: Ich möchte keine Note vergeben, würde es aber als außerordentlich kritisch bewerten, wie das in Teilen gelaufen ist. Ich bemängele vor allem, dass die vorhandene Expertise nicht komplett genutzt und vieles von der Bundespolitik überhastet oder auf Zuruf entschieden wurde. Auch mit Steuergeldern wurde so in Teilen viel zu fahrlässig umgegangen. Ein Beispiel: FFP2-Masken gehören nicht in die Hand der Bevölkerung, sondern dienen dem Arbeitsschutz. Zur Vorbeugung einer Infektion, nicht nur mit Covid-19, ist eine normale OP-Maske ausreichend. Wir haben bei uns im Amt im März 2020 die Pflicht zum Tragen dieser OP-Masken eingeführt. Seither hat sich bei uns niemand im Hause infiziert. Das ist wissenschaftliche Evidenz und ein Beleg für die Wirksamkeit dieser Maßnahme.
Sie sind bekannt dafür, Ihre Meinung zu vertreten, auch wenn diese nicht opportun ist. Gab es im Laufe der Pandemie genug Raum für kritische und differenzierte Meinungsbeiträge? GOTTSCHALK: Es ärgert mich sehr, wenn wissenschaftliche Aussagen verkürzt oder verfremdet und etwa von Querdenkern aufgegriffen werden. Natürlich gibt und gab es Covid-19. Und natürlich ist dieses Virus für Teile der Gesellschaft extrem gefährlich. Daher macht es mich rasend, wenn Impfstoffe verunglimpft werden, die in Rekordzeit entwickelt wurden und hochwirksam sind. Dies ändert aber nichts daran, dass es wichtig ist, inhaltliche Kritik zu äußern, wo dies angebracht ist. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass mit konsequentem Maskentragegebot die wirtschaftlichen Einschränkungen viel geringer ausgefallen wären. Auch der weltweite Reiseverkehr hätte schon zu Beginn deutlich effizienter überwacht werden müssen. Stattdessen wurden die Grundrechte der Bevölkerung meines Erachtens nach viel zu massiv eingeschränkt. Auch sprachlich und in der didaktischen Vermittlung der Lage wurden Fehler begangen. Dementsprechend schwer war und ist manche Maßnahme der Bevölkerung zu vermitteln.
Wie viele Experten waren Sie quasi über Nacht ein gefragter Talkshow-Gast. Ärgern Sie sich über die mediale Verkürzung komplexer Themen oder ist dies der Preis, den die Wissenschaft zahlen muss, um in der Öffentlichkeit präsent zu sein? GOTTSCHALK: Albert Einstein hat sinngemäß gesagt, dass wenn ich einen komplexen Sachverhalt nicht einfach erklären kann, ich ihn auch nicht verstanden habe. Ich wurde sehr oft zu Talkshows eingeladen, weil ich in Teilen eine abweichende Meinung vertrete. In diesen Sendungen werden die Fragen aber so suggestiv gestellt, dass ich die meisten Anfragen abgelehnt habe. Auch der Bund hat übrigens immer wieder anders entschieden als etwa die hessische Landesregierung. Ich bin der Überzeugung, dass manche Maßnahme nicht auf Basis wissenschaftlicher Evidenz entschieden wurde. Oft saßen wir dann in unserem Verwaltungsstab und mussten trotz anderer Einschätzung Vorgaben des Bundes umsetzen. Ich hoffe sehr, dass die erfolgten Schritte zur Bekämpfung der Pandemie kritisch aufgearbeitet und daraus Rückschlüsse gezogen werden. Denn klar ist: Es wird eine weitere Pandemie geben, auf deren Bekämpfung wir besser vorbereitet sein sollten.
Welche Lehren gilt es Ihrer Ansicht nach aus der Bewältigung der Pandemie konkret zu ziehen? GOTTSCHALK: Selbst vonseiten des RKI wurde das Vorgehen mehrfach geändert, obwohl es ja klare Handlungsempfehlungen gab. Normalerweise hat zunächst Cointainment, also die Eindämmung, oberste Priorität. Das ist auch zu Beginn einer Pandemie sinnvoll. Wir wussten schon sehr früh, dass vor allem Ältere und andere Risikogruppen stark gefährdet sind. Man hätte deren Schutz zulasten der Containment-Strategie intensivieren müssen. Wir haben sehr früh darauf hingewiesen, dass hier ein Fehler gemacht wird. Denn: Ab einem gewissen Punkt waren nicht genug Ressourcen vorhanden, um jene zu schützen, die am gefährdetsten sind und gleichzeitig Kontaktnachverfolgung zu betreiben. Irgendwann im vergangenen Sommer kam dann eine Gruppe auf, die Luftfilter in Schulen propagiert hat. Diese Lobby hat gute Arbeit geleistet und sich durchgesetzt. Niemand hat aber jemals nachgewiesen, dass diese Geräte eine Infektion verhindert hätten. Zudem müssen entsprechende Geräte extrem gut gewartet werden, um nicht selbst zur Infektionsgefahr zu werden.
Sie haben auch im Ausland geforscht, bevor sie 1998 ins Frankfurter Gesundheitsamt gewechselt sind. Gibt es eine berufliche Station, der Sie rückblickend gerne mehr Zeit gewidmet hätten? GOTTSCHALK: Nein. Das hat immer alles gepasst. Ich bin 1998 von der Uni hierher gewechselt. Dieses Amt war für mich immer der Himmel auf Erden. Ich konnte hier so viel anstoßen, auch dank der Frankfurter politischen Unterstützung. Ich war in Afrika, den USA und in Asien. All diese Forschungsstationen wurden teilweise über das Amt getragen, das deutschlandweit eine wegweisende Institution ist. Wir sind nicht umsonst das einzige Gesundheitsamt in Deutschland, das eine akademische Lehreinrichtung einer Universität ist. Auch bin ich noch immer am Lehrstuhl von Sandra Ciesek tätig. Kurzum: Diese Stadt hat mir so viele Möglichkeiten eröffnet, auch weil die Politik immer mitgegangen ist. Darauf bin ich stolz und sehr dankbar.
War Ihnen schon immer klar, dass Sie Mediziner werden möchten? GOTTSCHALK: Nein, das ist eine ganz witzige Geschichte. Ich habe in den 80ern Medizintechnik studiert und habe danach als Ingenieur bei der Hoechst AG gearbeitet. Mein damaliger Vorgesetzter, Prof. Hopp, hat irgendwann gesagt, ich müsse noch irgendwas anderes studieren. Daraufhin habe ich mich für ein Fach entschieden, wo ich eigentlich sicher war, dass ich keinen Platz bekommen würde und mich in Frankfurt für Medizin beworben. Prompt wurde ich genommen. Weil ich aber eine Kündigungsfrist von sechs Monaten hatte, habe ich meinem Vorgesetzten gesagt, das wird leider nichts mit dem Studium, weil ja bis dahin mein Studienplatz weg ist. Daraufhin hat Prof. Hopp es mir dennoch ermöglicht, zu studieren und nebenher für die Hoechst AG zu arbeiten. Und schon vom ersten Semester an wusste ich: Das ist mein Studium. Auch die Ausbildung danach hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich diesem Metier treu geblieben bin und Facharzt für Innere Medizin wurde. Nicht zuletzt hat man in der Medizin ganz andere Möglichkeiten als in der Technik. Ich habe hervorragende Kollegen an der Uniklinik kennengelernt und als ich ins Amt gewechselt bin, habe ich noch den Facharzt im öffentlichen Gesundheitswesen gemacht. Alles in allem war das für mich ein runder Weg.
Nun ein kleiner Blick in die Zukunft: Die Biontech-Gründer haben jüngst verkündet, an einem Impfstoff gegen Krebs zu arbeiten. Ist dies aus medizinischer Sicht der heilige Gral? GOTTSCHALK: Zunächst ist es ein extremer Segen, dass es diese mRNA-Technologie überhaupt gibt, was die Entwicklung von Impfstoffen immens erleichtert hat. Auch daher werden wir noch viele Verbesserungen in der Krebstherapie erleben. Aber eine pauschale Impfung gegen alle Krebsarten wird es nie geben. Wenngleich wir sehr zeitnah viele Fortschritte erleben werden, wäre es ein Trugschluss, ein Allheilmittel für ein so hochkomplexes Krankheitsbild zu erwarten. Die Medizin wird insgesamt viel komplexer und in Teilen deutlich bessere Lösungen anbieten können. Das sieht man ja bereits an der Behandlung von HIV. Da ist heute sehr viel möglich. Damals konnten wir rein gar nichts für diese Patienten tun.
Haben Sie keine Bedenken, dass medizinischer Fortschritt auch ethische Dilemma mit sich bringt? GOTTSCHALK: Auf jeden Fall: Die Frage lautet ja schon jetzt, wie lange Therapien fortgesetzt werden. Am Ende ist das oft eine Frage des Preises. In Deutschland ist man weitaus großzügiger als etwa in Großbritannien. Das sind Fragen, bei denen ich froh bin, dass ich dazu keine Antworten mehr liefern muss. Die Vereinbarkeit von Ethik und Medizin ist in der Praxis ein ganz schwieriges Thema. Ich stand oft mit Kollegen am Krankenbett und wir fragten uns, was machen wir mit diesem Patienten. Denn medizinisch hätte manches, was möglich war, schon keinen Sinn mehr ergeben.
Was war für Sie die wichtigste inhaltliche Neuerung, seit Sie das Gesundheitsamt vor zehn Jahren übernommen haben? GOTTSCHALK: Einmal die Einführung des Kompetenzzentrums für hochpathogene Infektionserreger des Landes Hessen im Jahr 2002 und die erfolgreiche Geschichte dieses Netzwerkes, deren Einsätze seit 2009 deutlich zugenommen haben. Seit der Gründung bin ich dessen Leiter. Auch die diversen Kooperationen mit dem Flughafen in Sachen Infektionsschutz. Nicht zuletzt die Bewältigung der Flüchtlings-Bewegungen im Jahr 2015 hat sehr gut funktioniert. Absoluter Höhepunkt war aber die Ernennung zur akademischen Ausbildungsstätte im Jahr 2013. Das ist ein absoluter Ritterschlag, den kein anderes Gesundheitsamt für sich in Anspruch nehmen kann.
Sehen Sie das Amt also für die Zukunft gut aufgestellt? GOTTSCHALK: Ich freue mich sehr, dass mein Wunschkandidat Dr. Peter Tinnemann meine Nachfolge antritt. Er hat sehr gute Ideen und erwischt eine sehr gute Phase für die Übernahme. Herr Tinnemann kann das Amt nun so formen, dass es für die kommenden Herausforderungen gut aufgestellt ist.
Wo wird man Sie im Ruhestand öfters antreffen: im Hörsaal oder ihrem Lieblingsort in der Stadt? GOTTSCHALK: Auf jeden Fall kann man mich auf dem Fahrrad oder bei Projekten antreffen. Ich werde mich weiter in Ausbildung, Lehre und Auslands-Kooperationen einbringen. Denn ohne meine Arbeit würde ich verrückt werden. Ich arbeite unheimlich gerne in Projektgruppen mit und so lange meine Expertise gefragt ist, bringe ich mich auch weiterhin gerne ein. Mit meiner Aussage, wir hätten mit der Festhalle das schönste Impfzentrum der Welt, habe ich es ja bis in die News York Times geschafft. Von daher ist mein neuer Lieblingsort in Frankfurt seither die Festhalle.
Nun zu Ihrem Abschied in der Paulskirche am 5. Juli: Ist dies für Sie eher ein Pflichttermin oder freuen Sie sich auf diese besondere Form des Abschieds? GOTTSCHALK: Das ist für mich eine extreme Ehre. Als gebürtiger Frankfurter kann man sich keine größere Ehrung vorstellen. Ich bin 1956 in den städtischen Kliniken geschlüpft. Walter Kolb, ein Bekannter meiner Mutter, hat ihr zu meiner Geburt geschrieben: „Möge Ihr Sohn im Sinne der Stadtgesellschaft gedeihen.“ Ich denke, das habe ich geschafft. Insofern schließt sich mit der Ehrung in der Paulskirche der Kreis, bevor ich irgendwann auf dem Hauptfriedhof eingetopft werde.