Gedenken an die erste Massendeportation aus Frankfurt

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Mit einer Gedenk- und Vortragsveranstaltung hat die Stadt Frankfurt am Main an die erste Massendeportation von Jüdinnen und Juden aus Frankfurt am 19. Oktober 1941 erinnert. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der wissenschaftliche Vortrag „Alles aufgearbeitet? Die Dokumentation der NS-Judenverfolgung zwischen Verdrängung und erstarrtem Gedenken” der Historikerin Susanne Heim.

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Kulturdezernentin Ina Hartwig begrüßte die Gäste in der Paulskirche für den Magistrat: „Der 19. Oktober verknüpft als städtischer Gedenktag die historischen Verbrechen der Shoah konkret mit Frankfurt und seinen Bürgerinnen und Bürgern. Er erinnert an die Menschen, die am 19. Oktober 1941 bei der ersten Massendeportation aus unserer Stadt verschleppt und ermordet wurden. Wir wollen diesen Anlass auch nutzen, um die wissenschaftliche Erforschung und Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen zu beleuchten, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Der Wissenschaft kommt gerade in Zeiten, in denen es immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gibt, die besondere Verantwortung zu, die Erinnerung an die Shoah zu vertiefen und zu vermitteln. Nur so können wir einer erstarrenden Gedenkkultur, vor der der Vortrag von Frau Dr. Heim schon im Titel warnt, entgegenwirken.“

Heim betreute seit April 2005 als Projektleiterin das Editionsprojekt „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“. Es wurde kürzlich mit dem letzten, 16. Band abgeschlossen. In ihrem Vortrag ging sie von der These aus, dass im heutigen Diskurs weniger die glatte Leugnung des Holocaust verbreitet ist als vielmehr ein Kleinreden, Verdrehen und Relativieren sowie unangemessene Vergleiche. Vor diesem Hintergrund beleuchtete die Historikerin den Wandel der öffentlichen Erinnerungskultur und widerlegte dabei eindrücklich die verbreitete Anschauung, dass „alles längst bekannt“ sei, auch aus ihrer langen Erfahrung mit der umfassenden Edition, die viele neue, bislang unbekannte Quellen öffentlich machte.

Die Veranstaltung wurde musikalisch umrahmt von Hermann Kretzschmar, der Auszüge aus Wolfgang Köhlers Tagebuch I op. 28 (1942) sowie Nature Pieces (1952) von Morton Feldman spielte. Der Komponist Wolfgang Köhler wurde 1923 in Braunschweig geboren. Bereits als Gymnasiast geriet er in schwere Konflikte mit der „Reichsmusikkammer“, die ihm als höchstes zuständiges Gremium des „Großdeutschen Reiches“ 1943 schließlich jede kompositorische Tätigkeit verbot. Die 14 Klavierstücke des Tagebuch I sind jeweils mit dem Datum ihrer Entstehung im Jahr 1942 versehen. Es handelt sich um knappe musikalische Impressionen, die nicht konkrete Ereignisse, sondern deren Reflexion darstellen.

Der 19. Oktober ist seit 2018 ein offizieller Gedenktag der Stadt Frankfurt. Am 19. Oktober 1941 wurden 1100 Frankfurter Jüdinnen und Juden ohne Vorankündigung und gewaltsam aus ihren Wohnungen verschleppt und durch die SA quer durch die Stadt zur Frankfurter Großmarkthalle getrieben. In den Kellern der Halle wurden sie gedemütigt und misshandelt, um schließlich über das Gleisfeld deportiert zu werden. Ziel der ersten Deportation war das Getto Łódź im besetzten Polen. Drei Personen haben diese Deportation überlebt. Seit 2015 erinnert die Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle an diese erste Massendeportation.

Foto: Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Vortrag der Historikerin Susanne Heim. Copyright Stadt Frankfurt, Foto: Holger Menzel

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