Schauspiel Frankfurt: Die neue Spielzeit 2022/23

Theater
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Mit zwei Festivals, 19 Premieren, davon 9 Uraufführungen und eine Deutsche Erstaufführung, sowie 15 Titeln im Repertoire startet das Schauspiel in eine neue Spielzeit.

Noch deutlicher als bereits in den vergangenen Spielzeiten versteht es sich dabei als Plattform, die regionale und internationale Vernetzung stiftet. Zu seinem Selbstverständnis gehören der Dialog und die Verteidigung einer offenen Gesellschaft mit den Mitteln der Kunst. Die gedankliche Offenheit und Vielfalt spiegelt sich auch in den Themenfeldern des diesjährigen Spielplans. Zwei Stoffe, die in ihrer Entstehung über ein Jahrhundert trennt, lenken den Blick zur Spielzeiteröffnung auf das Themenfeld der Ökologie. Jan Bosse, von dem am Schauspiel Frankfurt zuletzt »Richard III« und »jedermann (stirbt)« zu sehen war, eröffnet die neue Spielzeit 2022/23 im Schauspielhaus mit Anton Tschechows »Onkel Wanja«, in dem unter anderem der Arzt und Umweltaktivist Astrow eine entscheidende Rolle spielt. In den Kammerspielen blickt der Dramatiker Thomas Köck aus ganz und gar heutiger Perspektive auf das Themenfeld Klima. Er hat für das Schauspiel Frankfurt einen neuen Text geschrieben, den er selbst zur Uraufführung bringt. »Solastalgia« bezeichnet den Schmerz, den man im Augenblick der Erkenntnis erlebt, dass der Raum, den man bewohnt, angegriffen wird. Zusammen mit dem Musiker Andreas Spechtl geht Köck auf Spurensuche nach angegriffenen Orten. Die Kammerspiele bleiben mit vier weiteren Uraufführungen am Schauspiel Frankfurt auch künftig der Ort für Neue Dramatik, wobei bereits bestehende Arbeitsbeziehungen der Vorjahre weiter vertieft werden. So wird das Regie- und Autorenduo Stuhler/Koslowski seiner Frankfurter Essens-Trilogie den dritten Teil hinzufügen. Nach »Der alte Schinken« und »1994 - Futuro al dente« widmen sich die beiden nun der Mahlzeit des spätkapitalistischen Zeitalters - dem »kleinen Snack«.

Der Bachmann-Preisträger Ferdinand Schmalz ist am Schauspiel Frankfurt bereits durch »jedermann (stirbt)« für seine Sensibilität für Sprache und Form bekannt. Mit »Mein Lieblingstier heißt Winter« kommt die Uraufführung seines Debütromans auf die Bühne des Schauspiel Frankfurt. Der im Stile eines melancholischen, skurrilen österreichischen Krimis entstandene Text wird inszeniert von Rieke Süßkow, die sich mit ihren Theaterarbeiten an der Schnittstelle zwischen Schauspiel, Choreografie, Installation und rhythmischer Komposition bewegt. Die Arbeit an seinem eigenen Stück »Unheim« musste der Autor und Regisseur Wilke Weermann in der Spielzeit 2021/22 aufgrund von Krankheitsfällen unterbrechen. Die Uraufführung wird nun im Oktober 2022 stattfinden. Zusammen mit acht Studierenden des Studiengangs Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt begibt sich die Autorin und Regisseurin Regina Wenig, Expertin für leise Töne und dokumentarische Stücke, mit »Lena und Leonce. Ein Büchnerfragment« im Rhein-Main-Gebiet auf Spurensuche nach Worten und Texten Georg Büchners. Am Schauspiel Frankfurt waren von ihr zuletzt »Patentöchter«, »Deutschland 2020. Ein Wintermärchen« und »Die Zeit, die Stadt und wir« zu sehen. Ein Motto, das mehrere Stoffe der kommenden Spielzeit verbindet, lautet »Gegen Realitäten«. So lassen sich im ersten Drittel der Spielzeit zwei politische Stücke auf der großen Bühne in dieser gedanklichen Linie lesen. Wie es ist, sich nicht mit der eigentlichen Realität abzufinden, macht Henrik Ibsens »Ein Volksfeind« deutlich, mit dem die britisch-deutsche Regisseurin Lily Sykes nach ihrer Inszenierung »Die Bürgschaft« aus dem Jahr 2011 nach Frankfurt zurückkehrt.

Jean-Paul Sartres »Die schmutzigen Hände« ist ein Stoff, der sowohl zeigt, was passiert, wenn die demokratische Gesellschaft bedroht ist, als auch verhandelt, was es bedeutet, sich gegen die eigene, persönliche Realität oder Identität zu stellen. Mit diesem Stück stellt sich Lilja Rupprecht, die zuletzt in den Kammerspielen »Malina« inszenierte, auf der Bühne im Schauspielhaus vor. Der Gegenrealität im Sinne des Traums widmet sich in den Kammerspielen Barbara Bürk, die hier »Am Südhang« und »Nach Mitternacht« inszeniert hat. »Schein ist Sein« heißt es in Dostojewskis »Onkelchens Traum« von 1859, dem sich die Regisseurin in ihrer Bearbeitung unter dem Titel »Life is but a Dream« widmet. Neu in der Intendanz von Anselm Weber, in Frankfurt jedoch kein Unbekannter, ist ein Experte für besonders bildreiche und eigenständige Lesearten: Sebastian Hartmann. Mit seinen Inszenierungen mehrfach ausgezeichnet und zum Theatertreffen eingeladen, wird er im Schauspielhaus Arthur Schnitzlers »Die Traumnovelle« inszenieren. Ein Stoff, der die Realitäten und Gewissheiten des Einzelnen aus den Angeln hebt. Einen weiteren Schwerpunkt setzt das Schauspiel Frankfurt in der kommenden Spielzeit, indem es den Tanz zurück auf die Bühne des Schauspielhauses holt. Der Choreograf Jacopo Godani zeigt mit seiner Dresden Frankfurt Dance Company (DFDC) eine beispielhafte Auswahl seiner Werke. Mit »Anthologie« wird die DFDC erstmals seit William Forsythe wieder ein Stück auf der Bühne des Schauspielhauses zur Premiere bringen. In einer einzigartigen Zusammenarbeit zwischen dem Schauspiel Frankfurt und der Dresden Frankfurt Dance Company treten Schauspieler:innen aus dem Ensemble zusammen mit Tänzer:innen und freien Performer:innen auf die Bühne. Die israelische Choreografin Saar Magal entwickelt mit »10 odd emotions« ein Tanztheaterstück zum Themenkomplex Rassismus und Antisemitismus.  Darüber hinaus bereichern weitere renommierte, internationale Regisseur:innen den diesjährigen Spielplan und untermauern den Gedanken und den Wunsch, den eigenen Blick und die Sichtweise zu weiten und außergewöhnliche Gastspiele, künstlerische Perspektiven und Künstler:innen zusammenzubringen. Der systemkritische russische Regisseur Timofej Kuljabin, der für seine präzise psychologische Figurenzeichnung bekannt ist, wird sich mit Shakespeares Tragödie »Macbeth« dem Frankfurter Publikum vorstellen. Timofej Kuljabin wurde in Westeuropa durch seine Regiearbeit von Tschechows »Drei Schwestern« bekannt, die er in russischer Gebärdensprache inszenierte. Die Regisseurin Ewelina Marciniak bringt mit »Das Tove-Projekt« (AT) eine Romantrilogie der dänischen Autorin Tove Ditlevsen auf die Bühne. Für die Inszenierung werden drei Bände der Kopenhagen-Trilogie zusammen mit der Neuübersetzung von »Gesichter« zusammengebracht. In einer Bearbeitung von Joanna Bednarczyk entsteht das Portrait einer Frau und Künstlerin, die entschieden darauf besteht, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben.

Die gedankliche Offenheit und Vielfalt sowie das Selbstverständnis als Plattform, Begegnungen zu ermöglichen, zeigt sich in zwei weiteren besonderen Projekten am Schauspiel Frankfurt. Der Beginn und das Ende der Spielzeit werden von zwei Festivals gerahmt, die bisher so noch nicht in einer Stadt gemeinsam stattgefunden haben. Vom 29. September bis 8. Oktober 2022 ist mit der 11. Ausgabe von »Politik im Freien Theater« neben dem Künstlerhaus Mousonturm und Schauspiel Frankfurt die lokale freie Theaterszene erstmals aktiver Mitveranstalter des Festivals der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Festival unter dem Motto »Macht« lädt dazu ein, über eigene und fremde Handlungsspielräume nachzudenken und macht künstlerische und politische Positionen und Darstellungen von Macht und Ohnmacht einem breiten Publikum zugänglich. Als gemeinsame Produktion mit dem Künstlerhaus Mousonturm entsteht im Rahmen des Festivals die Produktion »Yo Bro«. Die Choreografin, Performerin und Theater-Künstlerin Joana Tischkau erforscht in dieser Arbeit zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Aljoscha Tischkau kultur- und kunstgeschichtliche Repräsentationen von Verwandtschaftsverhältnissen. Das komplette Programm des Festivals wird am 7. Juli um 11.00 Uhr bei einer Pressekonferenz in der Naxoshalle vorgestellt.

Im Festivalzeitraum wird zudem die gemeinsame Produktion »Burt Turrido. An Opera« des Künstlerhaus Mousonturm und dem Schauspiel Frankfurt als Deutschlandpremiere im Bockenheimer Depot aufgeführt werden, nachdem die Premiere aufgrund des Lockdowns im Februar 2021 abgesagt werden musste. Das Nature Theater of Oklahoma ist eine preisgekrönte New Yorker Kunst- und Performancegruppe unter der Leitung von Kelly Copper und Pavol Liška. Mit jedem Projekt stellen sie sich und das Publikum mit Humor und Formstrenge vor unmögliche Herausforderungen und sprengen etablierte Genres. Mit dem deutschlandweit größten internationalen Theaterfestival »Theater der Welt« werden Vielfalt von Theater, Tanz und Performance aus aller Welt zum ersten Mal seit beinahe vierzig Jahren wieder in die Region Frankfurt-Offenbach zu sehen sein. Initiiert, organisiert und realisiert wird das Festival, das von 29. Juni bis 16. Juli 2023 in Frankfurt und Offenbach stattfindet, von den drei Frankfurter Kulturinstitutionen Künstlerhaus Mousonturm, Museum Angewandte Kunst und Schauspiel Frankfurt sowie dem Amt für Kulturmanagement der Stadt Offenbach als assoziiertem Partner. Erstmals in der Geschichte des Festivals stand für diese Ausgabe auch bei der Auswahl der Programmdirektion der Aspekt eines größtmöglichen Perspektivwechsels im Vordergrund. Die japanische Kuratorin Chiaki Soma ist die erste außereuropäische Leiterin des Festivals und wird ihr Programm rund um eine neue Ethik von »Care«, der Sorge mit-, um- und füreinander, entwickeln. Das Junge Schauspiel setzt sich weiterhin verstärkt mit der Historie Frankfurts und dem Themenkomplex der gedanklichen Offenheit, der Verteidigung von Demokratie bzw. ihrer Gefährdung auseinander. »Unter uns. Unsichtbar« ist der vierte Teil der Reihe »Fragile Verbindungen«, die von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (evz) ermöglicht wird. Das Junge Schauspiel recherchiert am neu gestalteten Geschichtsort Adlerwerke, wie die Zwangsarbeiter:innen unter der deutschen Bevölkerung lebten und welche Haltung ihnen entgegengebracht wurde. Das Weltkulturen Museum stellt sich in seiner Ausstellung »Healing. Leben im Gleichgewicht« mit Fragen von Heilung auseinander. Ihre vielstimmigen Perspektiven auf Heilung, Veränderung und Gleichgewicht in einem transkulturellen Austausch nutzt ein diverses Jugendensemble, um in »Balance – Zehn Versuche, die Welt zu verstehen« eigene Selbst- und Weltbilder zu befragen und Handlungsoptionen für einen würdevollen Umgang miteinander und der Welt zu entdecken. Der Regisseur Martin Brüggemann wird sich dem neuen Klassenzimmerstück für Schüler:innen ab 15 Jahren widmen und in der Box »Der Weg des Soldaten« nach Wolfgang Herrndorf zur Uraufführung bringen. Das Familienstück »Wickie und die starken Männer« feierte im November 2021 Premiere und konnte nur wenigen Klassen und Familien gezeigt werden, da es aufgrund der Corona-Pandemie zu Einschränkungen der Platzkapazität kam. Da nun wieder unter voller Saalbesetzung gespielt werden darf, wird das Stück wiederaufgenommen. Das Schauspiel Frankfurt freut sich auf alle Kinder, deren Familien oder Schulklassen, die in der neuen Spielzeit die Abenteuer mit Wickie bestreiten wollen.

 Der Gedanke von unterschiedlichen und ungewöhnlichen Perspektiven spiegelt sich auch in der Gestaltung des diesjährigen Spielzeitmagazins. Die Fotografin Katrin Korfmann hat das Ensemble bildlich festgehalten. Die Schauspieler:innen versammeln sich auf der Bühne des Schauspielhauses. Zu sehen sind sie aus einem ungewöhnlichen Perspektivwechsel, der sonst so aus dem Zuschauerraum nie gelingen würde. Ein Teil des Magazins ist in der kommenden Spielzeit ein faltbares Spielzeitplakat, das das Bild des Ensembles von Katrin Korfmann im Großformat zeigt und eine Übersicht aller Premieren beinhaltet. Im Sinne der Nachhaltigkeit wird es in diesem Jahr kein gedrucktes, ausführliches Spielzeitmagazin geben, sondern vielmehr eine eigens konzipierte digitale Plattform, die das Lesen der Texte im digitalen Raum zu einem besonderen Erlebnis macht. Der digitale Ort ist ein Archiv, eine Karte der Möglichkeiten, auf der essayistische und literarische Originalbeiträge zum Motto »Gegen Realitäten« zu entdecken sind.  Der Vorverkauf für September und die ersten Vorstellungen im Oktober startet am 15. Juli 2022.

 Foto: © Robert Schittko - v.l.: Katrin Spira (Dramaturgin), Alexander Leiffheidt (Dramaturg), Martina Droste (Leiterin Junges Schauspiel), Lukas Schmelmer (Dramaturgieassistent), Julia Weinreich (Dramaturgin)



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